Podcast „Rehabilitation“

Foto: Andreas Schwarz

Das Thema Rehabilitation (REHA) ist für vielen Menschen wichtig im Zusammenhang mit ihrer Krebstherapie. Dr. Constanze Schaal ist Vorstandsvorsitzende der DEGEMED, dem Spitzenverband der medizinischen Rehabilitation in Deutschland. Im Interview sprechen wir mit ihr im Detail über mögliche Hilfsangebote im Rahmen einer REHA, welche Erwartungen Patienten daran haben können und für wen eine REHA infrage kommt.


 

 

Inhalt des Podcasts

  • 00:30 // wer hat bei einer onkologischen Erkrankung Anspruch auf eine Reha-Maßnahme?

    Grundsätzlich haben alle onkologisch erkrankten Patienten Anspruch. Seien das Erwerbstätige, also Menschen, die in Erwerbstätigkeit stehen oder Rentner, die bereits ihre Rente genießen, aber an Krebs erkranken oder auch nicht versicherte Angehörige.
  • 00:55 // Wo kann man eine REHA beantragen, wo wird sie genehmigt?

    Beantragen tut meist ein Arzt, ein Facharzt, entweder für Onkologie oder auch der Hausarzt, je nachdem. Hängt meist oft davon ab, zu welchem Zeitpunkt die Rehabilitation beantragt wird. Es kann aber auch der Strahlen-Therapeut sein, während der Phase der Bestrahlung, sprich nach der Operation. Es gibt unterschiedlichste Wege, aber alle sind berechtigt, sprich Ärzte, Strahlen-Therapeuten, sei es auch der Hausarzt oder auch ich selber als Betroffene, kann eine Rehabilitation beantragen bei der Deutschen Rentenversicherung, auch die Rentner. Die onkologisch Erkrankten in Deutschland werden unabhängig von ihrem Erwerbsstatus über die Deutsche Rentenversicherung in der Antragstellung begleitet.
  • 01:47 // Übernimmt die Sozialberatung in den Kliniken die Anmeldung?

    Hm (bejahend), lso wenn der Patient im Akuthaus sich aufhält und gerade die Operation beispielsweise hinter sich hat, hat der Sozialdienst des Akuthauses die klare Aufgabe, auf den Patienten zuzugehen und die Rehabilitation auch anzusprechen. Manch einem ist es ja ein Begriff, dass man ein Recht dann auf eine Rehabilitationsmaßnahme hat, manchem Patienten nicht. Also es gibt auch erstmal die Aufklärung und teilweise auch die sofortige Antragstellung, je nach Phase und auch Empfehlung des betreuenden Arztes. Weil nicht zu jedem Zeitpunkt mancher Arzt einem Patienten auch die Rehabilitation empfiehlt.
  • 02:34 // Wie komplex ist die Anmeldung?

    Der Antrag ist leider nicht nur eine Seite, das vielleicht mal vorab. Sondern, es gibt einfach für den Arzt zum einen, wie auch für den Patienten, ein paar Seiten in Form von Fragebogen zu beantworten. Was der Sozialdienst an der Stelle ganz phänomenal und professionell leistet, ist, dass er genau, wenn der Patient im Akuthaus ist, die Arbeit abnimmt, auch durch den Fragebogen mit begleitet, dass der relativ schnell auch auf dem Weg gehen kann. Also das ist ein ganz, ganz großer Vorteil durch die Sozialdienste. Man kann aber auch in die Beratungsstellen, die ja die Deutsche Rentenversicherung zum einen anbietet oder auch die Krebsliga, heißt sie ja in manchen Bundesländern, also die Deutsche Krebsgesellschaft. Überall dort, wo Menschen gerade die in den psychologischen Antrags- oder Beratungsstellen-, überall sitzen die Menschen auch, die wissen, wie man mit diesem Antrag umgeht.
  • 03:42 // Was ist das Spezielle an einer onkologischen Reha?

    Das ist ja hoch individuell. Es fängt ja schon an: Was für eine onkologische Diagnose hat der Patient? Ist er erwerbstätig, ist er nicht mehr erwerbstätig? Also für den Erwerbstätigen beispielsweise spielen natürlich Fragen auch eine große Rolle: „Wie geht es eigentlich mit mir und meiner Arbeit, mit meinem Arbeitsplatz weiter? Brauche ich eine Umschulung? Möchte ich eigentlich beispielsweise nicht mehr Vollzeit, sondern Teilzeit-.“ Es gibt sozialrechtliche Fragestellungen dann zu klären. Bei Rentnern, die nicht mehr erwerbstätig sind, spielen ganz andere Fragen vielleicht dann im häuslichen Kontext eine Rolle. Oder was dann die Reha bestimmt, sind natürlich die Therapien. Die Einzeltherapien, die ganz speziell dann für den Patienten ja auch abgestimmt werden: Physiotherapie, Lymphdrainage, bewegungstherapeutische Angebote in Gruppe oder einzeln. Ganz starke Rolle die psychoonkologische Beratung, was ich wirklich essentiell als Angebot auch erachte: Rat, ein Ohr zu finden, psychologisch begleitet zu werden. Und natürlich dann der Aspekt, wenn ich erwerbstätig wieder sein möchte und erwerbsfähig wieder werde: „Wie muss ich vielleicht mein Arbeitskontext gestalten, um mit den Belastungen besser umzugehen?“ Das spielt eine große Rolle und hat auch großen Raum, während der Rehabilitation. Ernährung, nächstes Thema, großes Thema für die onkologischen Patienten. So dass eigentlich das ganze Spektrum der Leistungen von Bewegung, Sport, psychoonkologische Begleitung, Ernährung, sozialrechtliche Aspekte-. Auch der Sozialarbeiter bekommt eine starke Rolle in der Rehabilitation bei uns, hat den Patienten zu begleiten und seine Fragen mit ihm zu klären.
  • 05:50 // Bei welcher Art von onkologischen Erkrankungen ist eine Reha sinnvoll? Werden Patienten mit unterschiedlichen Krebsarten jeweils anders behandelt?

    Also zum einen bin ich ja jetzt in dem Falle nicht Medizinerin und ich kann nur sagen, jeder Fall ist hoch individuell und mittlerweile erleben wir auch, dass zu ganz unterschiedlichsten Zeitpunkten während der Krankheitsgeschichte auch die Rehabilitation dann empfohlen worden ist. Für die einen ist es glasklar: direkt nach OP. Dann gibt es den Strahlen-Therapeuten, der sagt: „Erst die Bestrahlung, dann zwei Wochen noch zuhause und dann ist die Anschlussheilbehandlung anz klug angesetzt.“ Manche empfehlen sogar, während Chemo-Einheiten eine Rehabilitation ruhig auch anzunehmen. Manche empfehlen aber, erst alles an Therapien abzuschließen, um dann in die Rehabilitation zu gehen. Also ich erlebe es als sehr individuell vom Behandlungsablauf auch des einzelnen Patienten.
  • 06:53 // Wenn eine Empfehlung für eine REHA ausgesprochen wurde, hat man dann tatsächlich einen Anspruch darauf?

    Also es ist ja die Diagnose eingetreten und diese Diagnose gibt mir das Recht auf den Anspruch, eine rehabilitative Maßnahme auch zu beantragen und zu bekommen. Der Anspruch verfällt nicht.
  • 07:18 // Was sollte der Patient zur REHA „mitbringen“, welche Voraussetzungen sind nötig?

    Ich denke mit der Entscheidung, sich auf eine Rehabilitation einzulassen, hat er ja schon für sich klar entschieden: „Ich möchte mich auf das, was die Klinik mir bietet, auch einlassen.“ Es ist zwar nicht ganz einfach auch, es gibt ja auch Ängste im Hinblick auf das psychoonkologische Angebot. Das wird auch akzeptiert, wenn Patienten manches Angebot, obwohl es ihm empfohlen wird, medizinisch, therapeutisch, wenn sie das nicht annehmen möchten. Da wird keiner dazu gezwungen. Aber offen zu sein für das, was man ihm als Hilfestellung, an Möglichkeiten gibt, mit der Krankheit und vor allem mit der Genesung einen Weg zu finden, anzunehmen, ich glaube, dass ist die beste Voraussetzung für eine gute, erfolgreiche Reha.
  • 08:13 // Kommen Menschen manchmal mit einer falschen Vorstellung zur REHA?

    Also man hört es ab und an, immer wieder, dass manchmal Menschen meinen, nach drei Wochen Rehabilitation bin ich zu hundert Prozent wiederhergestellt und das einfach unterschätzt wird, dass Genesung Zeit braucht, das erleben wir schon.
  • 08:36 // Wie lange dauert eine Reha? Gibt es hier Unterschiede von Patient zu Patient?

    Also es gibt natürlich als Orientierungswert eine durchschnittliche Verweildauer, die sich einfach aus der Erfahrung ergibt, aber eben individuell, weil wird jeder einzeln angeschaut. Zum Beispiel nach drei Wochen: Inwieweit ist jetzt schon die Erwerbsfähigkeit wieder greifbar? inwieweit wäre aber jetzt vielleicht medizinisch-, entscheidend ist, dass es medizinisch notwendig weiterhin ist auf Rehabilitation zu bleiben und eine Verlängerung zu erhalten. Also der Mediziner spielt während der Rehabilitation auch die entscheidende Rolle für die Länge des Aufenthaltes.
  • 09:21 // Was ist der Unterschied zwischen ambulanter und stationärer Reha?

    Wir sprechen ja heutzutage von einer stationären Rehabilitation, wenn der Patient ja in einem ganz bestimmten Entfernungsradius von seinem Wohnort eine Maßnahme in Anspruch nimmt, wo er einfach auch komplett nicht nur den Alltag mit Therapien verbringt, sondern dort auch übernachtet und drei Wochen, 21 bis 24 Tage so im Schnitt, dort auch verweilt. Die ganztägige ambulante Rehabilitation: Da bin ich tagsüber in einer Einrichtung, gehe aber dann gegen Abend wieder nach Hause und bin in meinem häuslichen Umfeld weiterhin eingebettet. Das ist der große Unterschied.
  • 10:10 // Ist die Entscheidung zwischen ambulanter und stationärer Reha nur von der Entfernung zum Behandlungsort abhängig? Ist dies das einzige Kriterium?

    Also ganz entscheidend für die Wahl stationäre, ganztägig ambulant ist der Patientenwunsch selber. Es gibt ja Gründe, warum ein Patient für sich die ganztägige ambulante Reha, weil der sagt: „Ich möchte in meiner Familie eingebunden bleiben. Ich habe noch kleinere Kinder, da möchte ich weiterhin zuhause auch ansprechbar sein.“ Genauso gibt es Patienten, die ganz bewusst sagen: „Nein, ich brauche und möchte jetzt die Distanz von zuhause. Ich möchte erstmal wieder zu mir finden.“ Ich erlebe in der onkologischen Rehabilitation überwiegend eher letzteres, dass der Patient für sich sagt: „Ich möchte bewusst die Auszeit und von zuhause einen gewissen Abstand für mich haben.“ So dass es hoch individuell aus meiner Sicht ist, wer sich für das eine oder das andere entscheidet.
  • 11:15 // Sie haben gerade das Stichwort „Auszeit“ genannt? Erachten Sie das als besonders wichtig?

    Also ich kann es jetzt bei dieser Frage nur aus dem eigenen Umfeld und auch was Patienten uns zurückkoppeln beantworten. In eigenem Umfeld habe ich selber erlebt, dass das einfach-, das ist eine lebensbedrohliche Diagnose in der Regel. Und das bedarf die Erfindung eines neuen Umgangs. Und viele signalisieren mir deutlich, dass braucht Zeit, dafür will man sich auch die Zeit nehmen und dafür bietet eine Rehabilitation eine optimale Chance. Und das wird auch gesehen und genutzt.
  • 12:02 // Welchen Wert kann REHA haben, wenn es um den Austausch mit anderen Betroffenen geht?

    Also ich erlebe es so, wie Sie es auch beschreiben: Es gibt einen Teil, der möchte ganz bewusst den Austausch mit anderen Betroffenen in der Zeit sehr intensiv auch erleben. Aber ich erlebe genauso auch, selbst auch im Freundeskreis, die bewusste Entscheidung: „Nein, ich möchte nicht in eine Rehabilitationsklinik, wo ich ausschließlich auch nur auf onkologische Mitpatienten treffe. Sondern vielleicht auf eine Mischung, auch einer anderen somatischen Indikation.“ Also ich erlebe stark beides.
  • 12:58 // Aber REHA bedeutet nicht, dass man sich zwangsläufig mit Fremden auseinandersetzen muss – das ist einem freigestellt, oder?

    Ja, also dieses Muss, da gebe ich Ihnen Recht, das steht nicht dahinter. Wie es dann halt so ist, der Patientenalltag ist schon durch viel Kontakt, sei es auch nur beim Essen, am Tisch-. Das sind dann so die kleinen Gespräche dazwischen. Natürlich hat man auch Gruppenanwendungen, wo automatisch das gemeinschaftliche der Diagnose dann auch Gegenstand des Gespräches sein kann, so dass schon eher der Fall ist, dass ich natürlich öfters im Laufe des Tages auf dieses Thema mit anderen stoße.
  • 13:42 // Wenn einem die REHA gut bekommen ist – so gut, dass man sagt: Ich will das weitermachen und versuchen, meinen Zustand noch weiter zu verbessern. Hat man hier die Chance auf eine weitere Maßnahme?

    Ja, also das Sozialgesetzbuch gibt ja, Gott sei Dank, genau dieser Wiederholung, man spricht auch von Stärkungskuren, hat man früher gesprochen. Einfach, dass dieser Effekt, der erreicht worden ist, verstärkt werden kann, nach einem ganz bestimmten Zeitraum, einfach wieder Recht auf eine Rehabilitation zu haben. Die ist gegeben.
  • 14:17 // Der Anspruch von REHA ist, den Menschen zurück ins Leben zu bringen. Wie gut funktioniert das tatsächlich?

    Also wir benutzen dafür gerne so diese Stichwörter „Return to work“, als Kennzahl oder Ergebnisfaktor und wir können auf Grund mehrerer Studien sagen, dass über 63 Prozent der Krebspatienten ins Arbeitsleben wieder zurückkehren und die Tendenz ist steigend. Und ich bin schon auch die Eine, die sagt, dieses Return to work, wieder Teilhabe am Leben, am Arbeitsleben, an der Gesellschaft ist ein hartes Faktum, an dem man den Erfolg der Rehabilitation eindeutig festmachen kann. Weil wir ja wissen, dass das Risiko bei Krebspatienten in Arbeitslosigkeit zu kommen, ein wesentlich höheres ist, als bei Gesunden, spielt dieser Return-to-work-Faktor, denke ich, eine entscheidende Bedeutung erst recht.
  • 15:21 // Auf welche Therapeuten trifft man bei einer Behandlung?

    Das ist zum einen die Gruppe der Physiotherapeuten, der Sport- und Bewegungstherapeuten, der Ergotherapeut spielt auch eine große Rolle. Dann teilweise haben wir ja auch Therapeuten, die im Hinblick auf die medizinisch-berufliche orientierte Reha, so Arbeitsplatzanalyse, Arbeitsplatzbefähigung zum Thema haben, dann natürlich der Psychologe, als Therapeut ein ganz wichtiger Partner. Ja, genau, das ist ja dann die Zusatzausbildung, die die meisten ja dann auch im onkologischen Kontext haben. Dann Gestaltungstherapeuten, die Kreativ-Therapeuten spielen auch eine ganz starke Rolle im Angebot für onkologische Patienten.