Podcast „Erkrankung & Familie“

Die Diagnose „Sie haben Krebs!“ ist in aller Regel mit einer massiven Zäsur gleichzusetzen: Nichts ist mehr, wie es war. Es bedeutet eine existenzielle Krise für die meisten Betroffenen. Auch bei Partnern sowie den nahen Familienangehörigen gerät dabei vieles ins Wanken.

Dr. Cornelia Oestereich war viele Jahre Vorsitzende der Systemischen Gesellschaft (SG) und arbeitet als Psychiaterin, Psychotherapeutin und Familientherapeutin. Sie erklärt im Interview, was bei einer Krebsdiagnose mit den Betroffenen und dem persönlichen Umfeld passieren kann. Was bedeutet es, auf einmal Halt und Sicherheit zu verlieren, was geschieht, wenn das Vertrauen ins Leben Risse bekommt?

Häufig finden mit Angst besetzte Projektionen statt, Schwächen werden sichtbar und Stärke scheint verloren zu gehen. Darüber und über viele weitere Aspekte zu „Krebserkrankung & Familie“ sprechen wir in diesem Interview mit der in Niedersachsen ansässigen Expertin.

Podcast „Erkrankung & Familie“

Inhalt des Podcasts

00:26 // Wenn eine Krebsdiagnose bei einem nahen Familienangehörigen einschlägt, dann gerät natürlich vieles ins Wanken. Was passiert da mit den Betroffenen und was passiert mit der Familie?

Ach, wissen sie, wir Menschen haben die Fähigkeit uns selbst als unversehrt und unverwundbar zu imaginieren. Das heißt uns so vorzustellen im Leben. Dessen sind wir uns in der Regel gar nicht bewusst. Das ist eine Fähigkeit, die uns hilft, bei der Bewältigung des Alltags und bei der Zukunftsplanung. In dem Moment, in dem uns eine gefährliche, potenziell tödliche Erkrankung offenbart wird, bricht dieses Gefühl, was natürlich immer ein imaginatives Gefühl gewesen ist, dieses Gefühl von Sicherheit und Unverwundbarkeit erstmal zusammen. Die Leitsätze und Regeln, nach denen jeder von uns lebt, gelten erstmal nicht mehr. In vielen ärztlichen Gesprächen, haben mir Betroffene erzählt, dass sie das Gefühl hatten, der Boden sei ihnen unter den Füßen weggezogen wurden. Manche sagten, sie hätten den Halt verloren. Es sei, als schwanke die Erde unter ihnen. Andere sagen, sie hätten das Gefühl, Gott habe sie verlassen, wenn sie zum Beispiel sehr spirituell sind, dann kommen solche Gefühle. Und alle bedeuten aber das Gleiche. Nämlich, dass erstmal die Leitsätze und die Regeln, nach denen ich gelebt habe, das Fundament, auf dem ich mein Leben gesehen habe, erstmal zusammengebrochen ist und nicht mehr gilt. Und ich habe ja das zweite Mal schon gesagt, erstmal zusammengebrochen sind. Das bleibt nicht so. Sondern es ist die erste Reaktion auf eine solche Diagnosestellung. Viele Menschen werden zunächst zurückkatapultiert, in ihnen wohlbekannte, manchmal sehr alte Strategien der Problemlösung. Das heißt, wenn ihnen früher, zu anderen Zeiten ihres Lebens beispielsweise geholfen hat, sich bei Ängsten eher in sich selbst zurückzuziehen, dann werden sie unter Umständen dieses alte Verhaltensmuster wieder aus der Tasche hervorziehen und erstmal mit dem Umgehen, was ihnen vertraut ist. Wer sich in solchen Momenten schon immer eher an andere angelehnt hat, der wird das jetzt vielleicht verstärkt tun. Wird sich verstärkt hilflos zeigen. Wird sich verstärkt abhängig zeigen, was dann die entsprechenden Partner, Beziehungspartnerinnen, Eltern, Kinder, Freunde dann bemerken, dass diese Person plötzlich, ja, sich abhängiger zeigt, als er das sonst eigentlich als selbstständige Erwachsene gewesen sind. Wer in seinem früheren Leben solche Krisen und solche Prüfungen eher kleingeredet hat, solche Verhaltensweisen gibt es ja auch oder sogar eher verleugnet hat, der wird das auch jetzt verstärkt tun. Das heißt, die Angehörigen und die Familie nehmen wahr, dass das eine Verhaltensweise die irgendwie nicht ganz passend ist, wiederaufgetaucht ist. Und sie reagieren häufig darauf in ebenso bekannten Mustern. Weil Familien in der Regel, oder auch Paare, gemeinsam bestimmte Muster der alltäglichen Lebensbewältigung entwickelt haben, die ihnen vertraut sind. Und da ist jedes Paar und jede Familie wiederrum anders. Deswegen gibt es da auch keine allgemeingültigen Aussagen die man da treffen kann. Das heißt, es können in Familien auch bekannte Konflikte wiederaufbrechen. Sich wieder zeigen. Also angenommen, wir haben es mit einem Paar zu tun, was vielleicht in den ersten Jahren seiner Beziehung so eine Rollenverteilung hatte, dass einer derjenige ist, der das Paar nach außen vertritt. Sozusagen extrovertiert und regelt die Angelegenheiten der Familie mit Bekannten, Freunden, vielleicht auch gegenüber der Außenwelt, Behörden und so weiter und zeigt sich in dem Sinne als der unabhängigere Partner. Und der andere Gegenpart ist derjenige, der immer sagt: „Was meinst du Schatz? Wie sollen wir es jetzt machen?“ Wenn ein solches Verhalten vielleicht sich schon in der Familie überwunden glaubte, weil die beiden zusammengewachsen sind, mehr auf Augenhöhe agiert haben, dann kann aber in solchen Krisensituationen plötzlich dieses alte, eigentlich schon überwunden geglaubte Verhaltensmuster wiederauftauchen. Und das führt natürlich zu den entsprechenden Reaktionen. Angehörige können auf die Diagnose eben auch zuerst mit Panik, mit Angst, mit Ohnmachtsgefühlen und mit Hilflosigkeit beispielsweise reagieren. Ebenso, wie die direkt Betroffenen.

05:03 // Nun hat eine solche außergewöhnliche Situation in einer Familie stattgefunden oder findet nun statt, welche veränderte Rolle nimmt da nun der Betroffene in der Beziehung zu seiner Familie ein? Welche veränderten Rollen nehmen jetzt die Familienangehörigen in der Beziehung ein, zu dem Betroffenen? Was passiert?

Wie ich eben schon ausgeführt habe, sind die Beziehungsmuster, die sich dann zeigen werden, abhängig von den schon beschriebenen Problemlösungsmustern in der Familie, die der Familie vertraut sind. Und das sind ja keine bewussten Beziehungsmuster, sondern die haben die gemeinsam miteinander so entwickelt und dann wirkt es für alle selbstverständlich und natürlich. Dann spricht man von Beziehungsmustern. Und solche Muster gibt es eben auch im Zusammenhang mit Problemlösungen. Solche Muster gibt es auch im Zusammenhang wie in der Familie zum Beispiel Liebe, Zuwendung, Verlässlichkeit, Geborgenheit, aber immer da, wenn sich solche Dinge wiederholen und die von außen zu beobachten sind, dass Menschen in einer Familie so aufeinander zu reagieren, dann bezeichnet man das als Muster. Das ist keine Bewertung, sondern es ist eine Beschreibung des beobachtbaren Verhaltens. Wenn eine Person sich beispielsweise häufig als eher anhänglich, eher abhängig, eher ängstlich zeigt und eine entsprechend hilflose Rolle einnimmt, dann hat jemand anders in der Familie oft die Rolle, dass von ihm oder von ihr, ist nicht abhängig vom Geschlecht, das Management schwieriger Lebenssituationen erwartet wird. Bei einem Paar kann sich genau dieses Muster jetzt verstärkt zeigen. Wenn aber der oder die vermeintlich stärkere der beiden jetzt die Krankheitsdiagnose erhält, dann funktioniert ja diese eingeschliffene Aufgabenverteilung nicht mehr. Und daraus können sich dann unterschiedliche Entwicklungen ergeben. Die Rollen können einfach getauscht werden. Der bis dahin eher zurückhaltendere Part wächst an seiner oder ihrer Aufgabe und zeigt Stärkt und übernimmt Verantwortung, die er oder sie sich vielleicht gar nicht zugetraut hatte. Oder aber diese Person wird ebenso von diesem Schicksalsschlag so überwältigt, dass er oder sie starr ist vor Angst und sich völlig hilflos zeigt. Das könnte dann die Folge haben, dass die erkrankte Person ihre Sorgen und Ängste gar nicht mitteilt, weil sie dem Lebenspartner, der Lebenspartnerin das gar nicht zumuten möchte und die Last des anderen nicht noch verstärken will. Weil sie sich nicht auch noch schwach zeigen möchte. Und diese Person, die Betroffene, die jetzt das nicht zeigen kann, weil sie die Last dem anderen nicht zumuten möchte, diese Person wird dann mit ihren Ängsten, Sorgen und ihrer Hilfsbedürftigkeit alleine gelassen. Was dann die durch die Diagnose ausgelösten Gefühle nur verstärkt. Das heißt, die Ohnmacht, die Hilflosigkeit, die Panik, die Angst, die Todesangst, diese Gefühle der Boden ist unter den Füßen weggezogen wurden, was wir vorher ja schon mal beschrieben haben, das verstärkt sich noch. Nimmt noch mehr zu, als es vielleicht bei jemandem wäre, der einen Partner, einer Partnerin hat, an der er sich in der Situation anlehnen könnten. Als behandelnde Ärztin sollte man das wissen und sollte dann dem Patienten durchaus auch aktiv nach der Familie beziehungsweise zunächst mal ganz aktiv nach der Lebenssituation fragen. Ich nutze da immer die Frage: „Wer gehört noch zu ihnen dazu?“ Das ist ja eine offene Frage, weil auch die Frage „Wie wird Familie definiert?“ ist ja in jeder Lebenssituation unterschiedlich. Manchmal sind es die allerbesten Freunde, die als Familie fungieren und solche Aufgaben übernommen haben. Also erstmal ist es die Frage „Wer gehört noch zu ihnen dazu?“, um dann ein Gespür dafür zu kriegen und auch aktiv mich so zu zeigen, als Ärztin, dass ich offen bin, dass solche Probleme auch angesprochen werden können. Und dieses Gefühl vielleicht, dass man alleine gelassen wird und nicht ausreichend Unterstützung bekommt in der Familie, dass das dann überhaupt thematisiert werden kann.

09:08 // Jetzt hatten sie ja gerade eher über die Partner als Familie gesprochen, aber Familie ist häufig ja noch deutlich größer. Da gehören dann vielleicht auch Kinder dazu. Wie ist das, wenn da der Elternteil betroffen ist? Was macht das mit den Kindern? Was macht das mit den anderen Teilen der Familie?

Ja, das ist sehr wichtig, dass sie das ansprechen. Gerade, wenn Kinde vorhanden sind, wenn ein Elternteil erkrankt ist, rückt die Situation der Kinder zunächst oft in den Hintergrund. Das geschieht oft aus guten Gründen, weil natürlich zunächst Mal andere Fragen dran sind. Nämlich zum Beispiel die Diagnose erstmal zu sichern, bestimmte medizinische Untersuchen gemacht werden müssen. Manche Sachen noch unklar sind. Alle hoffen auf ein gutes Ergebnis. Dann kommt aber dazu, dass Eltern sehr oft ihre Kinder schützen wollen vor solchen bedrohlichen Wahrheiten und bedrohlichen Konsequenzen. Und deshalb, so lange die Situation noch nicht geklärt ist, sagen sie sich dann zuerst, den Kindern erstmal noch gar keinen reinen Wein einschenken wollen. Sondern das eher schönreden: „Mama muss jetzt öfter mal zum Arzt. Mama fühlt sich nicht so gut, das hast du vielleicht schon bemerkt. Und jetzt wird sie behandelt. Jetzt wird sie erstmal untersucht, dann wird sie behandelt. Und jetzt muss man erstmal weitergucken.“ Das geschieht, um die Kinder zu schützen. Aber selbst wenn dann die Diagnose klar ist, dann finden Eltern oft nicht mehr den richtigen Zeitpunkt. Dann hätten sie es vielleicht vorher machen sollen oder sie denken, der richtige Zeitpunkt wird noch kommen. Das haben wir Menschen so an uns, dass wir unangenehme Themen rausschieben und sagen: „Es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt.“ Das hat aber Auswirkungen auf die Kinder, weil Kinder haben ein sehr gutes, sehr intensives Gespür für die seelische Situation ihrer Eltern. Die spüren, wenn Eltern Ohnmachtsgefühle und Hilflosigkeit haben. Sie spüren die Unruhe, sie spüren die ausweichenden Antworten, sie spüren aber zugleich auch, dass da ein Tabu sich ausbreitet und dass sie da nicht nach fragen dürfen. Und das wiederrum, kann man sich auch vorstellen, verstärkt natürlich die Unruhe, die Angst der Kinder, die manchmal sich ja furchtbarere Sachen ausdenken, als eigentlich da sind. Und dann häufig reagieren mit sowas wie Schlafstörungen, Alpträumen die in der Nacht passieren, manchmal Schulschwierigkeiten. Damit zeigen sie aber eigentlich nur, dass sie einbezogen werden müssen, in einer kindgerechten Art und Weise. Und wenn man das dafür als Eltern in dem Augenblick nicht die Kraft hat, was ja nachvollziehbar ist, dann ist das sinnvoll, dass auch Ärzte, Therapeuten, Lehrer die von dieser Situation erfahren, da auch Hilfsmöglichkeiten anbieten.

11:54 // Wie kann man nach so einem ersten Schock der Diagnosestellung, wie kann man wieder handlungsfähig werden?

Nach meiner Erfahrung hilft es, sich darauf zu besinnen, wie man frühere Krisen überstanden und überwunden hat. Da kommt man natürlich nicht unbedingt selber drauf, weil alleine diese Frage, die ich jetzt so stelle, bedeutet ja, dass man sozusagen mit Abstand auf eine Situation zurückguckt, die vielleicht schon eine ganze Weile zurückliegt und wo das Problem nicht mehr groß ist, sondern es ist ja ein bewältigtes Problem. Deswegen hilft es, wenn jemand anders auf diese Idee kommt und diese Anregung zu solcher Suche gibt. Und da wiederrum ist überhaupt nützlich, dass man mit anderen Menschen spricht. Also ich würde sagen, das Erste ist die eigene Sprechfähigkeit wieder zu entwickeln nach dem ersten Schock. Und wer dann als Gesprächspartner gesucht wird, das kann man jetzt gar nicht raten. Das kann im Idealfall der Ehepartner oder die Ehepartnerin sein. Das kann die beste Freundin sein. Das kann Eltern sein. Also die Großeltern, die vielleicht noch in der Familie da sind. Es sind sicherlich auch die Professionellen mit denen man zu tun hat, obwohl da auch nicht jeder immer ein offenes Ohr hat für diese Themenstellung. Aber wichtig ist, sich zu sagen, dass Schweigen auf Dauer nicht hilft, sondern Reden hilft. Das ist jedenfalls meine Erfahrung als Gesprächstherapeutin. Das gilt letztlich für jede Lebenssituation, aber es gilt insbesondere auch für solche, für die Bewältigung oder überhaupt, wie man das angeht, solche schweren Erkrankungen zu konfrontieren und sich damit auseinander zu setzen. Da kann man sich zum Beispiel fragen oder auch im Gespräch angeregt werden dazu, welche positiven Beispiele kennt man. Gibt es im Bekanntenkreis, im Familienkreis sonst schon jemanden, der mit so einer Lebenssituation zu tun hatte und eine Erkrankung gut bewältigt hat. Manchmal muss ja gar nicht die Erkrankung erstmal bewältigt werden, sondern die Behandlung bewältigt werden. Weil ja Behandlungen auch schon eingreifend genug sein können und alle Kräfte und das Durchhaltevermögen und die Energie fordern, die man da reinstecken muss. Man kann sich umschauen, wie andere Familienmitglieder mit Erkrankungen und mit Behandlung umgegangen sind. Welchen Beispielen möchte man eher folgen und welchen nicht. Fast alle Menschen kennen auch Beispiele, wie sie es ganz bestimmt nicht machen möchten. Haben mir viele meiner Patienten erzählt, dass sie Leute kennen, die die ganze Zeit gejammert haben, sich völlig haben fallen lassen, ihren ganzen Mut verloren haben und die Umgebung musste das tragen. Und wo sie dann gesagt haben „Das möchte ich nicht. Ein solches Beispiel möchte ich meinen Kindern nicht geben, oder meinen Bekannten nicht geben.“ Einige kennen Beispiele, wo sie sagen, also das war geradezu vorbildhaft, mit welchem Mut und welcher Zuversicht diese Person damit umgegangen ist. Und wie sie, egal wie schlecht es ihr ging und egal, wie die Nachrichten gerade waren, immer wieder gesagt hat: „Ich werde das schaffen. Ich lasse mich davon nicht unterkriegen.“ Ich möchte aber auch betonen, dass die Zeit, die jemand sich erst einmal nimmt und sich in sich selbst zurückzieht, die Zeit in der diese Person erstmal schweigen muss, weil es noch nicht sagbar geworden ist, die Themen die jetzt aufgetaucht sind. Die Angst auch noch nicht formulierbar ist. Dass diese Zeit unterschiedlich lang sein kann. Die einzelnen Menschen haben ein unterschiedliches Tempo und die Zeitdauer, die jemand erstmal sich in sich selbst zurückzieht und nicht formuliert und das Unsagbare nicht aus sich herausbringt, sondern erst darüber geschwiegen wird, diese Zeit ist unterschiedlich lang. Und wir sollten das nicht verurteilen und sagen: „Das ist falsch und es muss unbedingt gesprochen werden.“ Nein, das ist auch eine Bewältigungsstrategie, die ihre Berechtigung hat. Und wir können davon ausgehen, dass Menschen die überwinden werden und irgendwann sich wieder mehr öffnen. Dass das aber vielleicht eine Zeit der Besinnung ist, eine Selbstbesinnung und womit die Menschen ihre Gedanken dann füllen, das wissen wir ja gar nicht. Vielleicht ist es ein innerer Dialog der geführt wird, ein innerer spiritueller Dialog, vielleicht ist es eine Rückbesinnung auf das schon gelebte Leben. Wir wissen es einfach nicht. Und es hat aber seine Berechtigung. Wichtig ist, dass die begleitenden Vertrauenspersonen es schaffen, das Verhalten was sie beobachten nicht zu bewerten. Und das ist eine hohe Kunst und eine große Herausforderung in der Situation. Weil natürlich jeder Mensch mit seiner eigenen Vorstellung, wie ein richtiges Verhalten aussehen könnte, ein krankheitsförderndes Verhalten, ein schädliches Verhalten, beziehungsweise eben ein heilsames und was guttun würde, mit seinen eigenen Vorstellungen kommt. Und es ist sehr schwer in solchen Situationen den Betroffenen diesen Freiraum einzuräumen und ohne Wertung ihnen zu erlauben, dass sie sich so verhalten können, wie sie es gerade für nötig halten und wie sie es gerne möchten.

17:00 // Frau Dr. Oestereich, wie geht man eigentlich ins Gespräch darüber, dass man Angst vor dem Ungewissen hat, was da möglicherweise kommt?

Da gilt der Grundsatz, dass Patienten alles fragen dürfen und sie sollten auch alles fragen, was sie beschäftigt. Egal, ob es um die Frage der Prognose der Erkrankung geht, ob es um die Frage sich dreht, ob es möglicherweise ein Rezidiv geben könnte, die nach der Behandlung auftauchenden Symptome, dass man die Erwartung hat, es ist jetzt alles weg, aber stattdessen hat man mit einem dauernden Erschöpfungssyndrom oder einer Müdigkeit zu kämpfen, die man in dem Zusammen (?Fatigue) nennt. Oder ob es um Nebenwirkungen der Therapie geht. Oder ob es darum geht, dass die Angst jedes Mal vor einem, vor den Kontrollterminen nochmal wieder steigt. Oder Themen, die sich vielleicht auf die Dynamik der Paarbeziehung beziehen, auf den Verlust von Sexualität und Erotik. Auf die Frage, wie sie ihre Aufgaben als Mutter oder als Vater noch erfüllen können. Wie es mit der Erkrankung weitergehen wird. Und, und, und. Also der Katalog könnte ja endlos fortgesetzt werden. Aber das was gilt ist, es sollte keine Denk- oder Sprechverbote geben, keine Tabus. Das sagt sich jetzt so leicht, aber Tabus und Sprechverbote erteilt der Mensch sich ja selber. Und deswegen bedarf es eines Gegenübers, der ein Gespräch so führt, dass er auch anregt, dass solche Themen einen Platz haben können oder, dass sie zu verstehen gibt, dass sie um solche Tabus und Denkverbote weiß und, dass es aber sinnvoll ist, und dass es da einen vertrauensvollen Raum geben kann, in dem Platz sein kann, wenn der Zeitpunkt gekommen zu sein scheint, wo eben solche Themen angesprochen werden können. Man kann dann auch gemeinsam schweigen über das Thema, aber es ist erstmal angesprochen.

18:54 // Und welchen Rolle nehmen in so einer Situation Seelsorger oder Psychotherapeuten ein?

Gerade in Situationen, wenn vielleicht die Angehörigen und Freunde und Gesprächspartner aus dem privaten Umfeld, die ich eben genannt habe, zwar signalisiert haben, dass sie davon ausgehen, dass es Tabuthemen gibt, die angesprochen werden sollten, aber sie selber sich vielleicht nicht in der Lage sehen, darauf in angemessener Weise zu reagieren, da kann das sinnvoll sein zum Beispiel auf die Gesprächsmöglichkeiten mit einem Seelsorger oder einem Psychotherapeuten hinzuweisen. Selbst wenn jemand nicht in einer Kirchengemeinde bisher aktiv gewesen ist und der Glaube vielleicht in den letzten Jahre des Gefühls es ist alles so in Ordnung, keine so große Rolle gespielt hat, kann das ja im Zusammenhang mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung wieder auftauchen. Was wird eigentlich werden, wenn ich mal nicht mehr bin? Seelsorger sind darauf vorbereitet auch Gemeindemitgliedern Gespräche anzubieten, die nicht immer aktiv gewesen sind. Die sind dafür offen. Sondern sie sprechen ja Seelen an und Seelen in Not, da ist es nicht wichtig, ob die im Kirchenvorstand sich engagiert haben oder nicht. Sondern da ist es wichtig, dass jemand sagt: „Ich habe Gesprächsbedarf“. Und das ist eine oft eine andere Schwelle, als jemanden im Gesundheitswesen aufzusuchen, zum Beispiel einen Psychotherapeuten. Beim Psychotherapeuten muss jemand wieder eine Überweisung stellen, man muss einen Antrag bei der Krankenkasse unter Umständen stellen. Das muss genehmigt werden, und so weiter. Und manche Menschen haben ja auch einfach die Nase voll vom Gesundheitsversorgungssystem und wollen jetzt nicht wieder auch noch in eine solche Schiene gesetzt werden. Und da können Seelsorger ideale Gesprächspartner sein.

20:43 // Diese Seelsorger und Therapeuten sind die auch Ansprechpartner beispielsweise in Situationen, wo vielleicht keine stabilen Familienverhältnisse vorhanden sind? Bei Menschen, die vielleicht sozial eher isoliert sind?

Unbedingt. Da weisen sie auf, glaube ich, auf ein wichtiges Feld hin. Aber insgesamt gibt es natürlich neben Seelsorgern und Psychotherapeuten noch andere Gruppen, an die man sich wenden kann. Also ich möchte da an der Stelle schon mal verweisen an die große Zahl von Beratungsstellen, die sich mit bestimmten Diagnosen beschäftigten. Beispielsweise die von der Deutschen Krebs-Gesellschaft betriebenen Beratungsstellen. Oder die Selbsthilfeorganisationen, die sich in den letzten Jahren hier in Deutschland gegründet haben. Darüber gibt es in fast allen Städten auch einen Überblick, an wen man sich da wenden kann. Und die stellen zum Beispiel genau da solche Gesprächsangebote bereit, wo eine Familie das alleine nicht schaffen kann oder wo sie vielleicht auch gar nicht vorhanden ist. Wir haben ja auch einen großen Anteil an Menschen in der Bevölkerung, die alleine leben. Also die Zahl der Solo-Haushalte, beziehungsweise die Zahl der Single-Haushalte steigt. Das heißt, auch dafür müssen wir ja Versorgungsstrukturen entwickeln. Und da kann man die Selbsthilfe und die Beratungsstellen der Deutschen Krebs-Gesellschaft gar nicht hoch genug bewerten.

22:05 // Wie bekommt man eigentlich nach so einer folgenschweren Diagnose seine Gedanken sortiert? Wie kann man es da schaffen, wieder ein stückweit klarer zu denken?

Ich glaube, dass hier die Lebenserfahrung hilft. Die Gedanken sind nicht auf Dauer verwirrt, sondern in der Regel überstehen wir einen Schock. Und die Gedanken sortieren sich schon wieder selbst. Also dieser alte Spruch: „Es wird schon.“, klingt vielleicht ein bisschen banal, aber ist eigentlich eine ganz wichtige Lebensweisheit für das gesamte Leben. Und auch den Umgang mit einer solchen Situation. In der Regel bleiben die Dinge nicht so dramatisch, wie sie sich zuerst anfühlen und anschauen. Sondern sie sortieren sich. Die dazugehörigen Symptome des Schocks verblassen. Die Anzeichen beruhigen sich etwas. Die ersten Schlafstörungen zum Beispiel oder die nächtlichen schweren Träume, die Unruhe, die Herzbeschwerden, die Appetitstörung, die Verzweiflung, die Wut auf die Zumutungen des Lebens, das alles setzt sich. Das sortiert sich und rüttelt sich irgendwie wieder zurecht. Darauf kann man vertrauen. Und das kann man auch jemandem im Gespräch sagen. Und man muss es aber so sagen, dass man vorher eine gute Beziehung hergestellt hat. Wenn man es gleich zu früh sagt, ohne dass die Beziehung gut ist, denn empfinden Menschen das so, als dass sie abgewiesen werden mit ihren Sorgen. Aber wenn man eine gute Beziehung hergestellt hat, dann darf man ihnen sagen: „Wissen sie was. Das wird wieder. Sie werden das wieder hinkriegen. Das ist normal dieser erste Schock und diese erste Situation. Machen sie sich keine Sorgen, dass sie jetzt auch noch nicht mehr klar denken können. Das wird die geringste Sorge sein. Sondern das wird sich alles finden und dann werden sie gute Entscheidungen treffen, die dann auch wieder so dazu führen werden, dass ihre Zuversicht zurückkommt und sie die Situation gut bewältigen können.“

24:00 // Ist es sinnvoll, einen nahen Familienangehörigen beispielsweise zu einem Arztgespräch immer mitzunehmen? Also sich begleiten zu lassen zu einem Gespräch?

Das würde ich immer empfehlen, wenn mich jemand fragen würde, ob das sinnvoll ist oder nicht. Dabei muss man allerdings sagen, dass glaube ich nicht jeder Mensch dazu neigt, jemanden anders mitzunehmen. Da müssen wir jetzt wieder auf den Anfang des Gesprächs zurückkommen. Jemand, der seine Unabhängigkeit sehr gepflegt hat, seine Autonomie, möchte vielleicht das überhaupt nicht, weil er das Gefühl hat, dass die andere Person mit ihrem Zeugnis, ihrer Zeugenschaft in der Situation dann vielleicht die Autonomie eingrenzt. Oder manche wollen auch nicht, dass das was an unangenehmen Wahrheiten der Arzt ihnen vielleicht sagt, dass das in der Familie, in der Partnerschaft bekannt wird. Solche Fälle kenne ich auch. Dass also die Prognose beispielsweise zu einem bestimmten Zeitpunkt der Behandlung und der Erkrankung schon schlecht gewesen und man versucht, jemand versucht seinen Partner davor zu schützen und sich dann eher weigert, dass der Partner zu einem Arztgespräch mitkommt. Bei der bestehenden Schweigepflicht wird der Arzt sich nicht darüber hinwegsetzen und dem Partner, der Partnerin sowas einfach erzählen. Aber er oder sie wird vielleicht daraufhin wirken, in der ärztlichen Betreuungsbeziehung jemanden doch so zu öffnen, dass er bereit ist, seinen Partner und seine Partnerin mitzubringen. Oder eine andere Person des Vertrauens, weil es hat ja auch nicht jeder eine Partnerschaft. Es ist aber aus meiner Sicht unbedingt empfehlenswert. Und zwar für alle beteiligten Parten. Also aus der Sicht von mir als Ärztin ist das gut, wenn jemand anders dabei ist. Weil ich weiß, dass zum Beispiel die Patienten, die sehr aufgeregt sind in dem ärztlichen Gespräch, dass ich nochmal jemanden anders habe, dem ich erklären kann, was an Behandlungsschritten jetzt angedacht ist und was vielleicht sinnvoll ist und was nicht so sinnvoll ist und was nochmal neu überlegt werden sollte. Gerade das Abwägen von Interventionen, von Eingriffen beispielsweise im Zusammenhang mit der dann vielleicht beeinträchtigten Lebensqualität, die vielleicht vorrübergehend beeinträchtig ist, Nebenwirkungen, die zu verarbeiten sind. Das sind oft sehr komplexe Themen, die eine Person oft dann nicht mehr weiß hinterher. Und so gibt es aber jemanden, den man nochmal fragen kann: „Was hat der Arzt dann da an der und der Stelle gesagt?“

26:18 // Was kann in so einer besonderen Situation entstehen, wenn man gemeinsam als Paar oder als Familie durch diese Zeit gegangen ist und da bleibende Erfahrungen gemacht hat?

Wenn die Erfahrungen überwiegend gut sind, dann berichten meine Patienten, meine Patientinnen, egal ob sie jetzt als einzelne bei mir waren oder als Paare oder als Familie, dass sie ganz neue Erfahrungen miteinander gemacht haben. Sie berichten, dass sie neu zusammengewachsen sind. Dass ein neues, gemeinsames Lebensgefühl entstanden ist. Häufig berichten sie, dass sie ihre Zukunft anders gesehen haben als vorher. Viele sagen, dass eine bestimmte Naivität, die sie vielleicht auf die Zukunft bezogen gehabt haben, dass sie die überwunden haben. Dass sie aber dadurch anders mit der Zukunftsplanung umgehen können. Dass sie bestimmte Pläne zum Beispiel neu gewichten. Dass sie Dinge nicht mehr aufschieben, sondern sagen: „Wir machen sie jetzt. Man weiß nicht, wie lang oder wie kurz das Leben ist.“ Sie gewichten beispielsweise materielles, was vielleicht früher im Vordergrund gestanden hat und vielleicht für sie wichtig war, dass bestimmte Anschaffungen für den Familienhaushalt gemacht werden oder, dass bestimmte Statussymbole erwirtschaftet werden, dass das nicht mehr so wichtig ist. Sondern, dass es darauf ankommt, gemeinsame Erlebnisse zu entwickeln, zu gestalten, möglich zu machen. Reisen zusammen zu machen, Zeit mit den Kindern in anderer Weise zu verbringen als früher.

27:53 // Frau Dr. Oestereich , was wünschen sie unseren Betroffenen? Was wünschen sie den Cancer Survivorn?

Da fällt mir als erste eine Anekdote ein, die ich bei Herrn Doktor von Hirschhausen abgeguckt habe. Und da geht es darum, sich immer wieder klarzumachen, wenn man denkt: „Ach, eines Tages müssen wir alle sterben.“ Und einen das so richtig runterzieht. „Und wer weiß, wann dieser Tag bei mir kommt? Und womöglich ist er schon bald und ich habe gar nicht mehr so ein langes Leben, wie ich mir das ursprünglich mal vorgestellt habe.“ Wenn man also in so eine Denkschleife hineinkommt, dann sich klarzumachen oder, dass jemand anders das übernimmt und zu sagen: „Wissen sie was? Wir alle müssen eines Tages sterben. Aber bis dahin, an jedem anderen Tag, nicht.“ Ich erzähle die Geschichte und mir ist die deswegen so wichtig, weil das bedeutet, wenn man sich das klarmacht, dann haben wir einen großen Zeitraum zur eigenen Gestaltung zur Verfügung. Und auch eine Verantwortung. Uns selbst gegenüber und unseren Lieben gegenüber, diese Zeit auch so gut wie möglich zu gestalten. Das heißt, ich wünsche den Cancer Survivorn oder den Betroffenen, wo immer sie sich auch gerade befinden in ihrem Lebenszyklus, dass sie die Herausforderungen, die das Leben und die die Erkrankung ihnen stellt, dass sie die annehmen können. Ich wünsche ihnen, dass sie ein Bild für sich finden, nachdem sie ihr Handeln beschreiben können. Und zwar, dass das ein Bild sein sollte, das nicht auf Dauer eine Metapher, beziehungsweise ein Bild des Kampfes bleibt. Sehr häufig höre ich im Zusammenhang mit der Bewältigung von Krebserkrankungen: „Ich kämpfe gegen den Krebs“. Aber wenn man sich klarmacht, wenn es um einen Kampf geht, dann gibt es immer Sieger und es gibt auch Besiegte. Und wenn man aus diesem Schwarz-und-weiß-Bild nicht rauskommt, dann entwickelt man kein Gefühl für die Grautöne, die da entstehen können. Also ich wünsche jemanden, dass er diese Krebserkrankung zum Beispiel beschreiben kann als: „Ich habe in der Akutphase, habe ich den Tumor bekämpft und habe jetzt erstmal ihn besiegt.“ Ich weiß ja aber nicht, wie lange es dauert. Das kann dazu führen, dass man vielleicht den Krebs auch annimmt, als eine Begleitung durch das Leben. Ein Begleiter oder auch als einen ungebetenen Gast beispielsweise. Einen ungebetenen Gast kann man auch mal eine Zeit lang wütend vor die Tür stellen. Man kann ihm den Rücken kehren, weil er einem auf den Geist geht. Es ermöglicht andere Bilder damit umzugehen. Man kann ihn zur Seite schieben und zu sagen: „Du hast jetzt aber heute hier keinen Platz.“ Heute! Nicht unbedingt in der gesamten Lebensphase. „Aber heute hast du keinen Platz, heute ist was anderes dran. Heute wollen wir Geburtstag feiern oder wollen ein Fest feiern.“ Man kann auch mit Bildern von einem Tanz, also mit einem inneren Bild, dass man sozusagen einen Tanzpartner im Leben hat umgehen. Das sind jetzt alles natürlich nur Anregungen. Mit Tanz meine ich jetzt gar nicht, heiteitei und Walzertanz oder so. Sondern es gibt ja Kulturen, die kämpferische Tänze haben. Tänze, wo es um Auseinandersetzung geht, um Konfrontation. Also wenn man zum Beispiel an bestimmte Szenen von Tango denkt oder von Flamenco. Da geht es nicht um schöne Gefühle, sondern da geht es um Selbstbehauptung, um Autonomie, um Selbstbestimmung. Wenn man solche Bilder für sich finden kann, dann kann man anders mit einer, vielleicht wiederkehrenden Erkrankung oder einer Erkrankung, die einen großen Teil des Lebens einnimmt, anders damit umgehen und kann dann neben der Gestaltung des eigenen Lebens Platz einräumen, im Sinne der Geschichte. Dass das Leben vor dem Tode stattfindet. Und das wünsche ich den Survivorn und den Betroffenen. Ich wünsche ihnen vor allem, wenn ich das zusammenfassen darf, Zuversicht und Hoffnung. Und immer wieder Momente der Gelassenheit, des Glücks und der Zufriedenheit.

31:53 // Dann danke ich ihnen für diese wunderbare, bildhafte Beschreibung und für das Mutmachen. Und natürlich auch für das gesamte Gespräch. Bei mir zu Gast war Doktor Cornelia Oestereich, Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin. Vielen Dank für das Gespräch.

Ich bedanke mir auch für das Gespräch.