Podcast “Psychoonko­logie – Generelles & Wissenswertes“

Meistens wird ein Tumor mit bildgebenden Verfahren sichtbar gemacht. Das trifft jedoch nicht für die unausgesprochenen Gedanken und innersten Gefühle eines Betroffenen mit einer Krebserkrankung zu. Die Psychoonkologie ist bei der umfassenden Therapie und Begleitung von Patienten und Patientinnen nicht mehr wegzudenken und hat sich in Deutschland zunehmend als wertvolle und unverzichtbares Hilfsangebot etabliert. Dies gilt für Betroffene gleichermaßen wie für deren Angehörige.

Über Generelles und Wissenswertes zur Psychoonkolgie informiert in diesem Podcast die anerkannte Expertin Prof. Anja Mehnert-Theuerkauf. Sie ist Inhaberin des Lehrstuhls für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Leipzig und forscht seit vielen Jahren zur Wirksamkeit der Sparte Psychoonkologie.

Sie spricht darüber, wann man gut beraten ist, die Hilfe eines Psychoonkologen in Anspruch zu nehmen und welche Vorurteile möglicherweise überwunden werden müssen. Sie zeigt auf, wie ein Termin in der Praxis abläuft, mit welchen Fragen man kommen kann, wie die Angehörigen auf Wunsch eingebunden werden, wer die Kosten für die Leistungen übernimmt und wie und wo man den richtigen Psychoonkologen finden kann.

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Inhalt des Podcasts

In unserem Experten-Podcast sprechen wir heute über die Psychoonkologie. Dazu begrüße ich aus der Universitätsklinik in Leipzig Professor Anja Mehnert Theuerkauf. Frau Mehnert Theuerkauf würden Sie sich bitte unseren Zuhören kurz vorstellen?

Ja sehr gerne. Mein Name ist Anja Mehnert Theuerkauf. Ich bin die Direktorin des Instituts für medizinische Psychologie und medizinische Soziologie an der Uniklinik hier in Leipzig. Und unser Schwerpunkt wissenschaftlich als auch klinisch ist die Psychoonkologie. Und wenn Sie mich fragen, was ist Psychoonkologie, dann kann man das beschreiben als ein Teilgebiet zwischen Psychologie und Onkologie, das sich mit Fragen der psychischen Belastung bei Krebserkrankungen beschäftigt. Dabei geht es um die Patienten. Es geht um die Angehörigen und es geht um die Vielzahl der psychischen Faktoren, die vielleicht bei der Krebsentstehung, aber vor allen Dingen bei der Verarbeitung der Erkrankung eine Rolle spielen.

Seit wann gibt es eigentlich das Fachgebiet der Psychoonkologie?

Also die Anfänge gehen wahrscheinlich so in die 1950er Jahre zurück, aber als Fach selber taucht es mit der zunehmenden Patientenbewegung eigentlich in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts auf. In den USA, aber auch in Europa.

Frau Mehnert Theuerkauf warum braucht man für krebserkrankte Menschen einen speziellen Psychologen, einen Psychoonkologen?

Das ist eine gute Frage. Also eine Krebserkrankung ist wie auch andere schwere körperliche Erkrankungen natürlich mit einer Vielzahl an psychischen Belastungen verbunden. Jeder, der so eine Diagnose bekommt, kennt das. Man ist so aus dem normalen Leben gerissen. Es sind viele Fragen, die da sich stellen. Fragen nach der Organisation natürlich, aber auch einfach sozusagen was kommt jetzt auf mich zu? Werde ich die Behandlung überstehen? Werde ich wieder gesund überhaupt? Und starke Ängste bei vielen Betroffenen, aber eben auch Niedergeschlagenheit, Sorgen und die Psychoonkologie oder der Psychoonkologe, Psychoonkologin können helfen, mit den Betroffenen, das sind eben die Patienten, das sind aber auch Angehörige, die natürlich genauso belastet sein können, sozusagen eine bessere Lebensqualität wiederzugewinnen und diese Belastung zu reduzieren. Man kann jetzt nicht alles wegmachen, das ist ganz klar, aber wir können doch helfen, viel zu erleichtern.

Die psychoonkologische Arbeit wie wird die üblicherweise praktiziert? Gibt es da eine spezielle Anzahl von Sitzungen? Kann man mit Angehörigen beispielsweise teilnehmen? Wie kann ich mir das vorstellen?

Also es ist ganz unterschiedlich. Das hängt wirklich sehr davon ab, wo Sie sich befinden. Das heißt, in einer Klinik, wenn es eine zertifizierte Klinik ist zum Beispiel oder eine andere Klinik, die sich das leisten möchte, sage ich mal, dann können Sie auf einer Station zum Beispiel ein psychoonkologisches Konsil anfordern. Das heißt da kommt eine Kollegin, ein Kollege zu Ihnen an das Krankenbett und Sie können dort alles das, was Sie belastet oder Fragen, die Sie haben, können Sie besprechen. Es handelt sich in der Regel um Gespräche. Sie können auch, wenn Sie in einer Reha-Einrichtung sind, also üblicherweise bekommt man ja nach der onkologischen Therapie eine- da kann eine onkologische Reha in Anspruch nehmen. Auch dort gibt es psychoonkologische Gespräche manchmal auch- oder in der Regel auch Entspannungsübungen. Manchmal in der Gruppe auch. Also, dass Sie sozusagen dort auch Entlastung finden können. Lernen, mit Stress umzugehen. Stressbewältigungstrainings zum Beispiel. Und eben lernen mit anderen Betroffenen auch darüber auch zu sprechen. Und im niedergelassenen Bereich beziehungsweise in der ambulanten Versorgung haben Sie zum einen die Krebsberatungsstellen, die eine ganz ganz wichtige Rolle spielen, dass dort alle Betroffenen, das heißt Patienten und auch Angehörige, die Fragen haben zur psychischen Belastung, aber eben auch zu sozialrechtlichen Anliegen wie zum Beispiel zu einer Reha oder Fragen der Rente, Schwerbehinderung. Die können dort Informationen erhalten, können vorbeikommen und eben auch Gespräche. Und dann gibt es natürlich, wenn primär die psychischen Belastungen im Vordergrund stehen, können auch niedergelassene Psychotherapeuten helfen.

Sie haben gerade nochmal die Angehörigen angesprochen. Aus Ihrer Sicht, wie sinnvoll ist es, Angehörige zur eigenen Psychoonkologensitzung mitzubringen und wie lange dauert eigentlich eine solche Sitzung?

Beides ist möglich. Also eine Sitzung dauert üblicherweise 45 Minuten, aber das hängt eben auch sehr davon ab von dem Befinden des Betroffenen. Also gerade im stationären Setting oder auf der Station im Krankenhaus, in der Klinik ist es ja so, dass Betroffene manchmal kurz nach Operationen sind oder durch Medikamente oder einfach durch die Erkrankung selber sehr geschwächt sind oder auch Schmerzen haben. Und da ist es durchaus nicht selten der Fall, dass Gespräche auch kürzer dauern. Je nachdem wie es geht und ein guter Psychoonkologe wird das auch immer dem Befinden des Patienten anpassen. Wenn die Frage, die Sie gestellt haben war, wer soll kommen, wir haben beides. Also wir haben Patienten, die alleine kommen. Wir haben auch Angehörige, die alleine kommen, weil natürlich auch Angehörige manchmal diesen Rückzugsort brauchen und sagen “Wissen Sie was, Zuhause, da möchte ich gerne stark sein, aber ich brauche auch mal jemanden, um einfach mal frei von der Leber zu reden sozusagen und mich auch mal zu entlasten.”. Und es kommen Paare, es kommen wie gesagt unterschiedliche Konstellationen. Manchmal auch vielleicht seltener Eltern und Kind. Aber auch da ist es so, es hängt immer davon ab, was die Patienten oder die Angehörigen entscheiden, was für sie gut ist. Was in der Situation-. Manche sagen, ich möchte gerne Dinge mit meinem Mann zusammen besprechen oder mit meiner Frau zusammen. Und das handhaben wir in der Regel sehr flexibel, weil der Patient sollte hier wirklich nach seinen Bedürfnissen behandelt werden.

Gibt es gegenüber der Arbeit des Psychoonkologen eigentlich Vorurteile von seiten des Patienten?

Die gibt es tatsächlich. Das ist auch verständlich sage ich mal so. Viele Patienten leiden ja primär an einer körperlichen Erkrankung und wenn ihnen angeboten wird, wir haben hier zum Beispiel eine Psychoonkologin im Hause, dann sind manche doch erstmal reserviert und sagen “Naja was soll ich denn beim Psychoklempner, beim Seelenklempner? Ich bin ja nicht verrückt oder ich bin ja körperlich krank. Ich brauche das eigentlich nicht.”. Und tatsächlich ist es so, dass natürlich nicht jeder Patient einen Psychoonkologen braucht oder sehen sollte, sondern es geht primär um die Patienten, die stark belastet sind oder eben für sich selber sagen, ich muss mit jemanden sprechen. Ich habe starke Ängste oder ich bin einfach niedergeschlagen oder ich kenne mich gar nicht so wieder. Ich bin einfach durch die Diagnose und Behandlung so erschüttert, dass es für mich gut ist, wenn ich mal unabhängig von der Familie, sofern überhaupt eine da ist, oder vom Freundeskreis gerne professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen möchte. In der Regel ist es so, dass man diese Vorurteile schnell ausräumen kann, aber wie es so ist, manche bleiben auch bestehen und das ändert sich sicher auch ein bisschen mit dem sage ich mal gesellschaftlichen Umgang, dass Krebs ja nicht mehr so ein starkes Tabuthema ist wie früher Gott sei Dank. Das hängt auch mit der Offenheit der Patienten zusammen, dass Krebs heute eine Erkrankung ist, über die offener gesprochen wird und das hilft natürlich auch der Psychoonkologie. Dass wenn Patienten berichten, dass sie positive Erfahrungen gemacht haben, dass sich das auch dann niederschlägt.

Wer übernimmt denn die Kosten für so eine Behandlung?

In der Krebsberatungsstelle ist es so, dass die Krebsberatungsstellen in der Regel durch unterschiedliche Träger finanziert sind und die Beratung kostenfrei ist. Bei der Psychotherapie, wenn Sie eine psychische Störung so heißt das, psychische Erkrankung haben, also in der Regel ist es eine Angststörung oder zum Beispiel eine Depression, übernehmen die Krankenkassen die Regelversorgung. Sie können aber natürlich auch als Selbstzahler dort sich Unterstützung holen.

Frau Mehnert Theuerkauf, bei so einem Gespräch da spreche ich jetzt mal von Rollen, welche Rolle nimmt da der Psychologe ein und welche Rolle nimmt der Patient ein?

Auch das ist- hängt ein bisschen davon ab, von der Situation also vom Krankenhaus oder von der Beratungsstelle. Ich fange mal mit der Beratungsstelle an. Eine Krebsberatungsstelle hat ja keinen primär psychotherapeutischen Anspruch, sondern es ist eine Beratungsleistung, die dort erbracht wird und wenn Sie dort hingehen, haben Sie einen Informationsbedarf und der wird in der Regel auch gedeckt. Das heißt, Sie bekommen dort Beratung, Information, in der Regel keine Psychotherapie. Manchmal gibt es therapeutische Intervention, dass man dort vielleicht so Entspannungsverfahren zum Beispiel anwendet oder lernt. Aber dort steht die Beratung und in dem Sinne auch Ratschläge sozusagen eher im Vordergrund und je nachdem was für ein Informationsbedarf Sie als Patient mitbringen oder was für einen Beratungsbedarf. Und in der Klinik ist es auch so, dass dort das Setting ein bisschen durch den Klinikalltag definiert wird. Das heißt, Sie sind häufig im Mehrbettzimmer, es ist viel Tohuwabohu, Trupel. Sie habe natürlich auch sonst Termine im Krankenhaus, ob das Physiotherapie ist oder ärztliche Termine Sonografie, röntgen oder was auch immer sozusagen ansteht und da wird das auch sehr getaktet sein und da sind in der Regel entlastende Gespräche möglich. Auch manchmal Diagnosestellung, wenn es wichtig ist, auch von psychotherapeutischer Seite. Eine Weitervermittlung und da sind Sie als Patient auch allein schon dadurch, dass sie einfach offiziell geschwächt sind, in einer anderen Position.

Ja. Und nun noch meine letzte Frage an Sie: Wie kann man einen Psychoonkologen für sich finden?

Ist nicht ganz einfach. Ich würde mich erstmal an den Krebsinformationsdienst in Heidelberg wenden. Den finden Sie im Internet und Telefonnummern kann man sicher auch zur Verfügung stellen, also das sind Ansprechpartner da, die Ihnen gute Psychoonkologen vermitteln. Niedergelassene Psychotherapeuten erfahren Sie zum Beispiel auch durch Ihre Krankenkasse am Ort oder auch eben durch die Klinik, wo sie behandelt werden. In der Regel, wenn da Psychoonkologen sind, werden die Ihnen auch weiterhelfen können, aber es ich sage mal so in Großstädten mit einer eher guten Versorgung ist es einfacher als zum Beispiel in ländlicheren Gebieten überhaupt jemanden zu finden oder überhaupt jemanden vor Ort zu finden. Manchmal muss man etwas länger suchen, das ist tatsächlich eine Versorgungslücke.